Entschädigung, wirklich eine Entschädigung?

Das Thema ist ein leidiges und man möchte sich kaum noch damit befassen, zumal dann nicht, wenn man sieht, daß gerade der wichtige Punkt der Entschädigung in den Beschlüssen des Runden Tisches Sexueller Missbrauch und in den entworfenen Scenarien einer Prävention zu kurz gekommen ist. Eine wirksame Prävention kann es nur geben, wenn alle Elemente sorgfältig auf die Verhütung des Missbrauchs abgestimmt sind. Fehlt ein Element oder ist es zu schwach ausgebildet, dann gibt das schwächste Glied den Ton an. So ist es auch bei der Prävention zum sexuellen Missbrauch.

Die letzten zwei Jahre haben viel Wirbel um das Thema gebracht, doch herausgekommen ist ein spärliches Ergebnis, von dem jetzt schon abzusehen ist, daß es das nicht hält, was es verspricht. Die große Politik kümmert sich mehr um die Finanzmärkte als um den Schutz der Schwächsten im Lande. Das Ordnungsgelder durchaus als Mittel der Steuerung von Verhalten eingesetzt werden, zeigen die Geldbussen bei Verstössen gegen die Strassenverkehrsordnung. Wenn der Eindruck entsteht, daß den Regeln nicht so gefolgt wird, wie es sein soll, werden die Geldbussen halt drastisch erhöht, um ein konformes Verhalten zu erzwingen. Man weiß zwar, daß Preise und Strafen gleichermassen der Inflation unterliegen und daher eine gewisse Skepsis durchaus angebracht ist, dennoch zeigt das Beispiel der genannten Bußgelder, daß mit ihnen eine gewünschte Wirkung erzielt werden kann.

Weshalb soll dieses Instrument der Steuerung nicht auch im Rahmen des sexuellen Missbrauchs eingesetzt werden? Es ist ein wesentliches Element der Abschreckung. Verhält man sich regelkonform oder unterzieht sich einer entsprechenden Therapie, dann hat diese Abschreckung ihren Zweck erreicht. Aber gerade dieses Element ist in den neueren Regeln zum sexuellen Missbrauch zu kurz gekommen. Es gibt keine Vereinbarung über Entschädigungen an die Opfer, die diesen Namen verdient.

Die Kirche in Deutschland brüstet sich, daß sie 5000 Euro als Entschädigung für Opfer bereit hält. Diese Summe, die gegenüber dem, was in anderen Ländern als Entschädigung gezahlt wird, am unteren Rand angesiedelt ist, steht aber in keinem angemessenen Zusammenhang mit dem, was Kindern durch den sexuellen Missbrauch angetan wird. Heutzutage wird alles evaluiert; also lassen wir die getroffenen neuen Regeln doch einmal von einer wirklich unabhängigen Instanz auf ihre Effektivität hin überprüfen! Wie das Ergebnis aussehen würde, dazu gehört nun wahrlich nicht viel Phantasie. Es aber nicht zu tun, würde einmal mehr zeigen, daß die Politik nach der Divise verfährt: Augen zu und durch.

Das Leid unzähliger Kinder wird mit einer solchen Haltung billigend in Kauf genommen. Schauen wir nach Holland, wo vor Weihnachten für dieses kleine Land von bis zu 20.000 Mißbrauchsfällen ausgegangen wird. Die Katholische Kirche in Deutschland spricht davon, daß inzwischen etwas über 900 Fälle bei ihr in Bearbeitung seien. Die enorme Differenz in den Zahlen zwischen Holland und Deutschland macht nachdenklich und läßt den Verdacht aufkeimen, daß hier etwas nicht stimmt. Möglicherweise ist das Verhalten der Kirche noch immer so, daß sie in Deutschland nicht die Täter, sondern die Opfer abschreckt. Sollte das der Fall sein, dann dürfte dies der schlagendste Beweis dafür sein, daß der ganze Wirbel um den sexuellen Missbrauch nichts gebracht hat. Die Täter und die Organisationen, denen sie angehören, wird es freuen.

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