Kath. Aufarbeitung von sexueller Missbrauch

Die Nachricht, von sexuellem Missbrauch an 10.000 bis 20.000 Kindern und Jugendlichen in katholischen Einrichtungen der Niederlande schockte vor wenigen Tagen die Öffentlichkeit. Doch waren sogleich auch die Entschuldigungsrituale zur Stelle. Wir haben das nicht gewußt bzw. in diesem Umfang nicht erwartet. Wir sind schockiert und beschämt. Priester, die ihre Existenzberechtigung zum großen Teil aus der Bekämpfung des Bösen, Juristen, die die ihre aus der Bekämpfung des Verbrechens ableiten, sie alle sind also geschockt, wenn sich das manifestiert, was ihnen die Existenzberechtigung gibt. In welcher Welt leben sie eigentlich? Flüchten sie etwa in die heile Welt ihres Wirkungskreises und lassen sonst den lieben Gott einen guten Mann sein?

Ist das, was jetzt so massiv in die Vorweihnachtszeit hinein schwappt wirklich nur die Banalität des Bösen? Hat man zu viel Zutrauen zu der Auffassung, daß der liebe Gott es schon richten wird? Ist Gott, der große Unbekannte, der sich zu den Mißbrauchsfällen nicht äußerst, die von seinen angeblichen Dienern begangen wurden, ein Ruhekissen, auf das man die Verantwortung abwälzen kann, um das eigene Gewissen zu beruhigen? Ja, das ist zu befürchten und zu befürchten ist auch, daß gerade mit dieser Grundhaltung eigentlich aus den Vorfällen nichts gelernt wird. Es ist doch sehr beruhigend, daß es sich um Fälle aus der Vergangenheit handelt, und daß die Gnade der Verjährung über die Missetaten den Mantel des Schweigens ausbreitet.

Vielleicht sind die Täter selbst nur in wenigen Fällen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, doch die öffentlich-rechtliche Aufsicht, weil keine natürliche Person, kann sich nicht automatisch hinter der Verjährung verstecken. Ob ein Fehlverhalten staatlicher Stellen der Verjährung unterliegt, hängt keineswegs vom Verstreichen einer Frist ab, sondern ergibt sich aus der Sachlage. Das massenhafte Unrecht ungesühnt zu lassen, würde die Fundamente des Rechtsstaates untergraben und jedem Rechtsempfinden Hohn sprechen. Das Versagen der Aufsichtsbehörden bedarf nicht nur der historischen, sondern auch der rechtlichen Aufarbeitung, Bewertung und Sühnung. Wir werden sehen, wie man in den Niederlanden damit umgeht. Für Deutschland ist hier zur Zeit wenig zu hoffen. Vergleicht man die Zahlen, dann könnte es sogar scheinen, daß Deutschland mit den bisher bekannten Zahlen ja noch ganz gut da steht. Oder sollte man, vor dem holländischen Hintergrund, etwas den Umkehrschluß wagen, daß die Zahlen in Deutschland, an den kleinen Niederlanden gemessen, vielleicht doch nur die Spitze des berühmten Eisberges sind?

Zumindest drängt sich der Verdacht auf und diejenigen, die zur Zeit den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland untersuchen, sind gut beraten, sich die niederländische Untersuchung genau anzusehen und methodisch zu prüfen, inwiefern bereits methodische Vorgaben das Ergebnis präjudizieren. Wie sieht das Verhältnis von Aktenaufarbeitung und Opferbefragung aus, wann hat man die ersten Hinweise erhalten, wann ernst genommen, wann gehandelt bzw. die notwendige Konsequenz nicht gezogen und aus welchen Gründen nicht? Eine ernstzunehmende Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland hat eine Menge von Fragen zu beantworten, und es kann schon jetzt gesagt werden, daß prozentuale Auflistungen und bunte Schautafeln zwar blenden, nicht aber überzeugen können.

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