Zahlen und sexueller Missbrauch

Wer freut sich nicht, wenn er hört, daß der sexuelle Missbrauch zurückgeht. Dies beruhigt nicht nur das Gewissen, sondern bestärkt auch die Annahme, daß man auf dem richtigen Weg sei, daß die ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen und effektiv sind. Also schreiten wir auf diesem Weg voran. Doch so einfach, und dies muß ausdrücklich betont werden, liegen die Dinge beim sexuellen Missbrauch nicht. Die statistischen Erhebungen, so gut sie fachlich begründet und methodisch sauber durchgeführt sind, bewahren nicht vor Fehl- und voreiligen Schlüssen.

Die nun vorliegenden Untersuchungen können sich auf eine bisher nicht erreichte Anzahl von Fällen stützen. Dieser Vorzug ist ihnen nicht streitig zu machen, und wer das dennoch wollte, müßte sich schon der Mühe einer eigenen Erhebung unterziehen. Bringt der Hinweis auf diese Erhebungsbasis damit aber auch jede Kritik zum schweigen? Mitnichten! Es ist schon merkwürdig, wie aus neueren Erhebungen abgeleitet wird, daß der sexuelle Missbrauch in kirchlichen Institutionen zurückgegangen zu sein scheint. Sollen wir uns dabei beruhigen? Können Eltern ihre Kinder wieder unbesorgt in priesterliche Hände geben? Dieser Eindruck wird zumindest erweckt, ob er beabsichtigt ist, ist ungewiss, aber gleichwohl willkommen.

Aber hier liegt das Problem, denn die Zahlen brauchen eine plausible Interpretation und an dieser fehlt es bisher. Einmal den Sachverhalt zugestanden, ist doch zu fragen, worauf der Rückgang zurückzuführen ist? Hat sich etwa die Sexualität verändert, sind die jetzigen Priester moralischer als die früheren oder liegt der Rückgang schlicht in dem Umstand begründet, daß die Zahl der Priester und damit die Zahl der von ihnen Missbrauchten zurückgeht? Fehlender Nachwuchs und Überalterung spielen hier doch gewiß auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ferner ist zu fragen, ob es vielleicht Ausweichmöglichkeiten gibt, etwa im Rahmen des Sextourismus. Welche Parameter muß man also anwenden, um hier zu verlässigen Aussagen zu kommen? Ordnet man in einem definierten geographischen Raum (Bistum) etwa für 1980 1000 Priestern zehn Mißbrauchsfälle, 2011 aufgrund der gesunkenen Zahl 100 Priestern einen Missbrauch zu, dann ist die Zahl zwar absolut gesunken, das Verhältnis 100:1 aber gleich geblieben. Was lernen wir daraus? Sicherlich eins: sinkt die Zahl der Priester, dann sinkt auch die Zahl der von Priestern Missbrauchten. Führen wir also die Zahl der Priester auf Null, dann ist das Problem des priesterlichen Missbrauchs ein für allemal aus der Welt gebracht. Die Zielrichtung ist vorgegeben, also packen wir es an.

Den Endbericht sowie weitere Informationen unter www.beauftragte-missbrauch.de

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