Sexueller Missbrauch zurückgegangen?

Am Dienstag, den 18. Oktober, wurde der "Erste Forschungsbericht zur Repräsentativbefragung Sexueller Missbrauch 2011, Stand: 17.10.2011" der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Botschaft ist: der sexuelle Missbrauch ist zurückgegangen. Anlaß der Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen waren die im vergangenen Jahr vermehrt bekannt gewordenen Fällen von sexuellem Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen und Internaten. Sie sind jedoch nicht Gegenstand der genannten Untersuchung. Sie bewegt sich vielmehr im Bereich des familiären Umfeldes und schreibt damit eine entsprechende Untersuchung von 1992 fort. Als einzige Differenzierung gegenüber 1992 wurde eine Aufteilung in drei Gruppen vorgenommen: Deutsche, Migranten mit russischen Hintergrund, Migranten mit türkischem Hintergrund. Letztere Gruppe scheint vor dem religiös-kulturellen Hintergrund von sexuellen Missbrauch am wenigsten betroffen zu sein; zumindest suggerieren dies die Zahlen. Dunkel bleibt freilich, inwiefern gerade dieser Hintergrund zutreffende Resultate zuläßt und damit die Statistik nicht verfälscht, selbst wenn sie mathematisch bereinigt wird. Auch gegenüber den übrigen Zahlen ist eine kritische Distanz geboten, denn es ist bekannt, daß Opfer von sexuellem Missbrauch erst nach vielen Jahren über das Erfahrene berichten.

Die Gesetzgebung hat dies zur Kenntnis genommen und die Verjährung im zivilrechtlichen Bereich auf 30 Jahre angehoben. Frau Prof. Dr. Vollbart, Institut für Forensische Psychiatrie der Charité Berlin, hat zudem in ihrem Vortrag von 7. Juni 2010 im Rahmen der Arbeitsgruppe "Forschung, Lehre und Ausbildung" des Runden Tisches sexueller Missbrauch darauf hingewiesen, daß seit den 1990er Jahren die Anzeigen von sexuellen Übergriffen auf Kinder zurückgegangen seien, gleichzeitig aber auch hervorgehoben, daß manche Übergriffe weder in der direkten noch in der retrospektiven Befragung genannt würden. Die Dunkelziffer sei deshalb nach wie vor hoch. Dergleichen findet sich in der neuen Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts nicht. Ein weiterer Mangel ist die Beschränkung auf den familiären Bereich. Der sexuelle Missbrauch in Kinderheimen wird mathematisch ermittelt, wobei festgestellt wird, daß "davon auszugehen ist, dass die Daten eine deutliche Unterschätzung der Viktimisierung in Heimen darstellen." (Seite 8). Internate, Schulen, Krankenhäuser, Jugendfreizeiten und ärztliche Praxen werden ausgeblendet. Zusammen mit den übrigen genannten Mängeln zeigt dies, daß die Untersuchung erhebliche Defizite aufweist und vor allem nicht zu der Aussage berechtigt, daß der sexuelle Missbrauch zurückgegangen sei. Möglicherweise hat sich der Umgang mit ihm verändert, und zwar sowohl bei Tätern wie bei Opfern. Ein weiterer Grund, weshalb die Untersuchung nicht befriedigt, ist ihre Ausrichtung an strafrechtlich definierten Tatbeständen bzw. an einen genitalfixierten Missbrauch. Kinderpornographie wird nicht genannt. Ebensowenig wird genannt, ob sich die angebliche Abnahme durch den Sextourismus erklären könnte, d.h. ob es zu "Auslagerungen" und Kompensationen im Deliktbereich gekommen ist. Die gebotene Erklärung der erhöhten Anzeigebereitschaft der Opfer gilt nur für den familiären Bereich. Im außerfamiliären Bereich scheint sich diesbezüglich in den letzten 20 Jahren nicht viel getan zu haben.

Inzwischen werden auch öffentlich Zweifel an der Studie bzw. ihrem Resultat geäußert, so etwa, daß das Statistische Bundesamt den Rückgang nicht bestätigen könne. Die Zahl der Verurteilung wegen Kindesmißbrauch habe in den letzten zwanzig Jahren um 12% zugenommen. Auch in Thüringen registrierte man 2010 gegenüber 2009 einen Anstieg der Verurteilungen wegen Kindesmißbrauch um 13%. Diese Diskrepanz bedarf einer Erklärung. Daß der sexuelle Missbrauch zurückgegangen sei, wurde insbesondere im Zusammenhang mit den Untersuchungen zur Pädophile in der katholischen Kirche behauptet. An einer entsprechenden Untersuchung ist das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen ebenfalls beteiligt. Diese Untersuchung ist ganz auf männliche Täter ausgerichtet. Frauen, und hier vor allem Ordensfrauen, werden als Täter nicht erfasst. Für die Erfassung des sexuellen Missbrauchs in Heimen ist das aber unerlässlich. Der sexuelle Missbrauch durch Frauen scheint subtiler abzulaufen. Zumindest berichten Heimkinder oftmals davon, daß sie nackt vor Nonnen duschen mußten und ihnen dabei nicht den Rücken zukehren durften. Solche Berichte lassen erkennen, daß der sexuelle Missbrauch allein an Straftatbeständen ausgerichtet, nicht vollständig zu erfassen ist. Das war auch dem Runden Tisch sexueller Missbrauch bekannt. Cui bono - wem also nützen die Ergebnisse der Untersuchung des kriminologischen Forschungsinstitituts? Sicherlich nicht den Opfern! Auch wenn die Zahlen des Missbrauchs sich im Rahmen der Untersuchung im unteren einstelligen Prozentbereich bewegen, so sind sie als absolute Zahlen auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet nach wie vor erschreckend.

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