Geschlossenen Jugendheime!

Das Zweiten Deutschen Fernsehen sendete den Beitrag "Geschlossene Jugendheime - Geschäfte mit Schwererziehbaren" ( http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1627234/Geschaefte-mit-Schwererziehbaren#/beitrag/video/1627234/Geschaefte-mit-Schwererziehbaren ). Könnte interessant sein, und zur großen Überraschung, manches kommt einem so ungemein bekannt vor. Ein deja-vu folgt dem anderen. Wie kann das geschehen, daß über Dinge berichtet wird, die mit der 68er Revolte dem Aussterben preisgegeben wurden? Ist es der schleichende Verlust eines Langzeitgedächtnisses, ist es die bekannte Geschichtsvergessenheit, unter der die Bundesrepublik chronisch leidet?

Erziehungsanstalten, ein Wort, daß zu den Leichen des Sprachschatz gehören sollte. Sie sind eine Erfindung des wilhelminischen Kaiserreiches, in denen sich preußischer Militarismus mit Großmannssucht paarte und gegen alles vorging, was dieses schöne Bild trüben könnte. Doch es hat sich was geändert. An die Stelle kirchlicher Einrichtungen sind GmbH-Erziehungsanstalten getreten. Sie wollen noch unverblümter als manche kirchliche Gruppen in der Vergangenheit Geld machen. Sie tarnen sich nicht mehr mit dem Schleier christlicher Nächstenliebe und Fürsorge. Sie treten offen als Wirtschaftsunternehmen auf. Im Jugendschutz versucht man Jugendliche und Kinder vor Anreizen der Werbung zu schützen und hier präsentiert man die Jugendlichen auf einem Silbertablett den wirtschaftlichen Interessen.

Hier stimmt doch was nicht. So handelt nur ein Staat, der seine Grundwerte vergessen hat, der nicht mehr weiß, daß er Menschen nicht zum Objekt staatlichen Handelns machen darf, daß er Verantwortung nicht delegieren kann, der vergessen hat, daß das Volk der Souverän ist und daß auch Kinder und Jugendliche an dieser Souveränitätswürde Anteil und den Anspruch haben, als Souverän behandelt zu werden. Aber ein System, daß seine geschichtliche Legitimation noch ganz dem Obrigkeitsstaat verdankt, daß schon in der Vergangenheit zu faul war, die Grundlagen allen pädagogischen Handelns auf eine demokratische Basis zu stellen, die die Handlungslegitimation auch tatsächlich aus dem Wohl und dem Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen herleitet, wird im trägen Trott des Alltags wieder all die Fehler begehen, die vor wenigen Monaten Gegenstand eines Runden Tisches waren. Und hier rächt sich wieder einmal, daß der Runde Tisch Heimerziehung keine Impulse zur Prävention und Reform des Erziehungssystem in Deutschland gesetzt hat. Von ihm als Alibi-Veranstaltung war das ohnehin nicht zu erwarten.

Es gibt nur einen Lichtblick, und die Verantwortlichen sollten dies ernst nehmen, und daß sind so manche richterliche Bemerkungen, die zum Nachdenken anregen sollen. Sie erinnern in gewisserweise an die Heimprozeße der dreißiger Jahre. Die Entwicklung verlief dann aber in eine Richtung, die jeder Heimpädagogik eher schädlich war. Es ist zu hoffen, daß die Richter dem zähen und schwerfälligen Haufen einer Pädagogik-Bürokratie ein wenig Feuer unter dem Hintern machen. Anders ist hier nichts zu bewegen und in zwanzig Jahren wird ein neuer Runder Tisch sich mit Fehlern und dem Versagen der Heimerziehung der 90er Jahre aufwärts zu befassen haben.   

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