Prügeltheologie

Im Rahmen der vielfältigen Bemühungen um die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte der Kinder- und Erziehungsheime in Deutschland tritt ein Übermaß an körperlicher Züchtigung zutage. Meist bleibt kaum Zeit, diesen Sachverhalt nicht nur in seinem Umfang, sondern auch in seinen Auswirkungen auf die Kinder zu begreifen, da sehr bald bagatellisierende Erklärungen nachgeschoben werden: das war eben damals die Zeit; die Prügelstrafe galt damals als ein Erziehungsmittel, und schließlich hat Prügel noch niemandem geschadet. Selbst die Kirchen rechtfertigen die Prügelstrafe damit, daß sie damals allgemein gebräuchlich war. So heißt es auch in der "Presseinformation 163 der Ruhr-Universität Bochum" zur Projektvorstellung "konfessionelle Heimerziehung" vom 24. Mai 2011: "Personalmangel und Überforderung, lange Arbeitszeiten, schlechte Entlohnung, fehlende Anerkennung, das Wegschauen der Bevölkerung und vieles mehr: Die Liste an Ursachen und Gründen für das Fehlverhalten von Heimpersonal ist lang. Das entschuldigt jedoch nicht teils drakonische Strafen und Demütigungen als 'Erziehungsstil' in vielen Heimen - etwa Essensentzug, Isolierung in 'Besinnungszimmern', das Abschneiden der Haare bis hin zu körperlicher Züchtigung und Misshandlung." Und wenige Zeilen weiter heißt es: „[...] die kirchlichen Heime [spiegeln] weithin das Maß der seinerzeit geltenden Normalität wider, was allerdings den kirchlichen Selbstanspruch deutlich unterschreitet.“ Stimmt das? 

Ist damals der "kirchliche Selbstanspruch" wirklich unterschritten worden oder ist das nur eine Wertung aus heutiger Sicht? In der Rückerinnerung mag manches Heimkind bei seinen Peinigern kaum ein Defizit im "kirchlichen Selbstanspruch" gesehen und erlebt haben. Nein, diese waren fest davon überzeugt, daß sie christlich handeln, daß sie ihr Handeln streng an der Heiligen Schrift ausrichten. Selbst für die unfreiwilligen Augenzeugen war es beeindruckend, mit welchem alttestamentlichen Racheeifer die Geissel Gottes über die Kinder herfallen konnte. Das war gerechtfertigt. Dies hörte man nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im Religionsunterricht: (Sprüche 23,13): "Halte die Zucht vom Knaben nicht fern; er stirbt nicht, wenn du ihn schlägst mit dem Stock." (Sprüche 13.24): "Wer seine Rute zurückhält, der haßt seinen Sohn; doch wer ihn liebt, der sucht ihn mit Züchtigung heim." (Jesus Sirach 30,12): "Beuge ihm den Kopf, solange er jung ist, und hau ihm auf die Lenden, solange er klein ist." "Den Kopf beugen", wer erkennt darin nicht die Anweisung, den "Willen zu brechen", das von kirchlichem Erziehungspersonal als erstes Ziel des Erziehungsprozesses angegeben wird.

Aber nicht nur das. Diese Sprüche haben über Jahrhunderte hinweg die Erziehung der Kinder geprägt (siehe Thomas von Aquin, Summa Theologica, Teil 2, 2. Teil, Questio 65 (noch heute gültig)), ja das väterliche Züchtigungsrecht hat in diesen Sprüchen seine religiöse Rechtfertigung und Überhöhung erhalten. Das dieses Recht in säkularisierter, aus dem Naturrecht abgeleiteter Form als "Gewohnheitsrecht" selbst richterliche Billigung erfuhr, zeigt, wie tief diese Anschauung in das kollektive Bewusstsein eingedrungen ist und das Selbstverständnis pädagogischen Handelns prägte.

Während das Naturrecht eine recht akademische Angelegenheit war, verbreiteten sich die biblische Anschauungen durch die religiöse Unterweisung in alle gesellschaftliche Schichten und liessen die "Prügel für Kinder" als gerechtfertigt und dem Willen Gottes gemäß erscheinen. Die Bindungen an gewisse Vorgaben gingen dabei verloren und führten in der Anwendung der Prügel zur Verrohung des pädagogischen Tuns. Kaum einer aus dem Volk las schon moraltheologische Lehrbücher. Dort hätte man etwa lesen können: (Anton Koch, Lehrbuch der Moraltheologie (1905), S. 461): "Die väterliche oder Erziehungsgewalt darf körperlichen Zwang durch Schmerzbereitung oder Freiheitsentziehung anwenden, sofern nur einerseits das Leben, die Gesundheit oder die Sittlichkeit nicht verletzt, anderseits das geistige Wohl des Nächstens gefördert wird. Die Verwendung solcher Zwangsmittel darf stets nur aus sittlichen Motiven (causa correptionis et disciplinae) und mit vernünftiger Maßhaltung (correptione moderata) geschehen." Das es auch ohne körperliche Züchtigung ging, daß zeigte 1954 der UN-Kongreß  zu jugendlichen Straftätern in Wien. In der entsprechenden Publikation heißt es hierzu (European Exchange Plan Seminar on the Institutional Treatment of Juvenile Offenders, Vienna, 27 September to 9 October 1954, organized by the European Office of the United Nations Technical Assistance Administration in co-operation with the Government of the Republic of Austria (New York: United Nations, 1955), S. 30): "In the imposition of corporal punishment, national practices vary widely, but it may be noted that in most countries institutions are run successfully without corporal sanction."

In diesem Punkt war Deutschland nicht auf der Höhe der Zeit, ja pädagogisch ein Entwicklungsland. Diese Einsicht war freilich nur in wenigen Fachverbänden verbreitet. Gegen die tiefeingewurzelte Anschauung von der Erlaubtheit, ja der Notwendigkeit körperlicher Strafen für Kinder war nur schwer anzukommen. Bildungs- und mentalitätsgeschichtlich hat die kirchliche Unterweisung viel, wenn nicht das meiste dazu beigetragen. Es war vor allem die kirchliche Lehre, die zur breiten Akzeptanz der Prügel für Kinder führte. Wenn kirchliche Vertreter sich hinsichtlich der Prügel-Exzesse in den Kinder- und Erziehungsheime auf diese "Normalität" berufen, dann mögen sie durchaus recht haben, doch sollten sie auch so ehrlich sein und eingestehen, daß diese "Normalität" wesentlich ein Ergebnis kirchlicher Lehrverkündigung war.

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