Heimkinder-Entschädigungsfonds

Unbeirrt von jeglicher Kritik schreiten die politischen Instanzen im besten Einvernehmen mit den verantwortlichen Trägern in der Umsetzung der Beschlüsse des Runden Tisches Heimerziehung voran. Für die Aufarbeitung und Bestreitung der Folgeschäden war ein Fonds von 120 Millionen Euro vorgeschlagen worden. Es war eine Empfehlung. Ob die Summe ausreicht und dem Problem gerecht wird, hätte zumindest hinterfragt werden müssen. Doch dem war bisher nicht so. Diese Empfehlung wurde vielmehr von den Verantwortlichen begeistert aufgenommen und zum definitiven Wert der Bewältigung erklärt. Mehr als 120 Millionen ist das Leid der 800.000 ehemaligen Heimkinder nicht wert. Und trotzdem soll sich darin die Anerkennung des Leids und die großzügige Hilfe zu seiner Minderung spiegeln.

Über diesen rührenden Glauben an kleine Summen ist man versucht, Spott und Hohn zu schütten, wenn, ja wenn die Sache nicht viel zu ernst wäre. Die alten Fronten bestehen nach wie vor fort. Das Verhältnis zwischen den verantwortlichen Institutionen und den ehemaligen Heimkindern ist von Misstrauen geprägt. Die eine Seite unterstellt der anderen Unglaubwürdigkeit bzw. Uneinsichtigkeit. Das, was die ehemaligen Heimkinder gefordert haben, nämlich eine Rechtsbefriedigung, ist in dieser Situation nicht zu erreichen. Damit fällt auch das Ziel der Bewältigung. Es geht nur noch um die Abwicklung eines Problems auf verwaltungstechnischem Weg.

Daher ist es auch wenig überraschend, daß die Kosten des Verwaltungsaufwandes in Höhe von 10% aus dem 120 Millionen Fonds entnommen werden sollen. Das dieser Vorschlag in seiner Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten ist, zeigt einmal mehr, wie wenig Sensibilität dem Leid der Heimkinder entgegengebracht wird. Die eher bescheidene Summe von 120 Millionen wird zur Finanzierung institutioneller Abwickler gekürzt, und mindert somit die effektive Hilfe, die vollmundig den Heimkindern als großzügige Kompensation ihres Leids angeboten wird.

Eigentlich ist das Verfahren nicht neu, wurden in den Etats der Heime eingehende Spenden für die Kinder doch oftmals zur Finanzierung der etatmäßigen Vorgaben benutzt und damit zweckentfremdet. Reichten die Einnahmen nicht aus, dann wurden auch schon mal schlicht die etatmäßigen Belegzahlen kräftig manipuliert. Welcher Schaden etwa in den 50er Jahren den Sozialversicherungen dadurch entstanden ist, ist bisher nicht Gegenstand der Aufarbeitung. Offenbar gibt es daran auch kein Interesse, denn die Verantwortlichen sind immer die Guten, die Heimkinder die Bösen, die doch froh sein sollen, daß ihnen überhaupt Dach und Brot geboten wurde.
 
Nun, so werden viele denken; doch an der Wertordnung des Staates gemessen, zumal die Verantwortlichen nicht müde werden, die Achtung vor den Werten einzufordern, zerschellt ein solches Denken. Vielleicht darf man daran erinnern, daß Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag auf das vorpositive Recht und mit einem Satz des Heiligen Augustinus bei Fehlen des Rechts auf die Umwandlung eines Staates in eine Räuberbande hingewiesen hat . Gewiß an einem Staat, der heute noch NS-Recht anwendet, wird man keinen moralischen Maßstab anlegen dürfen, daß aber kirchliche Vertreter, die den Hinweis auf das vorpositive Recht freudig begrüßten, sich in konkreten Fragen als Mitglieder dieser Räuberbande entpuppen, das gehört wohl zum mysterium iniquitatis. 

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