Kirche in Abwehr!

Die Kirche sieht sich verpflichtet, eine Botschaft unter den Menschen zu verbreiten. Alles, was sich ihr dabei in den Weg stellt, wird von ihr als Bedrohung dieses Auftrags gesehen. Sie bedroht deshalb ihrerseits im Kirchenrecht diejenigen, die antikirchliche Aktivitäten betreiben oder unterstützen mit Kirchenstrafen (Can 1370-1377). Sonderbarerweise scheinen diese Strafandrohungen sich auch auf Personen zu beziehen, die nicht Mitglied der Kirche sind. Die Kirche sieht sich in einem permanenten Zustand der Verfolgung. Menschen, denen die Kirche gleichgültig ist, werden eine solche mentale Verfassung eher als befremdlich empfinden. Aber da macht man, nach Auffassung der Kirche, die Rechnung ohne den Teufel. Gleichgültigkeit und bewusste Ablehnung der Kirche sind Teufelswerk. Gleiches gilt auch für Verhaltensweisen, die die Kirche nicht billigt. Daher der massive Widerstand etwa gegen gleichgeschlechtliche Lebensformen.

Aus dem Bedrohungsyndrom geht als Abwehrmechanismus das Bestreben hervor, alles kontrollieren zu wollen. Dies gilt auch für die Gedanken; daher wurden Index und Inquisition geschaffen. Wenn diese Formen inzwischen auch Geschichte geworden sind, so sind die Bischöfe doch nach wie vor verpflichtet, darauf zu achten, daß durch Schriften und andere Medien der Glaube und die Sitten der Gläubigen keinen Schaden nehmen. Von Gläubigen verfaßte Schriften sind daher dem Urteil des Bischofs zu unterwerfen (can 823, 1; siehe auch Norbert Lüdecke, "Kommunikationskontrolle als Heilsdienst - Sinn, Nutzen und Ausübung der Zensur nach römisch-katholischem Selbstverständnis" in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte, 28 (2009), Seite 67-98). Gewiss hat diese Forderung für den Großteil der Gläubigen keine Bedeutung. Bei kirchlichen Funktionsträgern ist das schon eine andere Sache, die man auf diese Weise kontrollieren will. Allein der Umfang der Print-, viso- und audio-Medien würde, auf alle Gläubigen bezogen, zur Kontrolle soviel Personal erfordern, daß die Aufgabe nicht durchführbar erscheint. Dennoch bleibt der Anspruch bestehen. Hier darf man durchaus an das Überwachungssystem der Stasi erinnern. Der Unterschied ist, daß die Kirche ihren Anspruch rein pragmatisch nicht durchführen kann. Dennoch versucht sie es. Der Informationsaustausch durch Internet und Netzwerke bringt es mit sich, daß die Menschen sich in kürzester Zeit mit einander in Verbindung setzen und sich austauschen können. Das Internet als unkontrolliertes Medien, vielleicht auch als unkontrollierbares Medium, ist der Kirche natürlich ein Dorn im Auge. Es beschränkt den Anspruch auf Herrschaftswissen und die Interpretationshoheit. Gerade aus konservativen Kreisen kommt daher oft der Ruf nach Kontrolle des Internets. Diesem Ziel ist auch die Kirche verpflichtet. Ihr Programm nennt sie Evangelisierung des "digitalen Kontinents". Dazu rief 2009 der Papst auf. Wenn man schon die Meinungsfreiheit im Internet nicht beschneiden kann, dann möchte man zumindest bei den Inhalten mitreden. Ziel ist es, die Köpfe der Menschen zu erreichen. Doch was die Kirche dabei vielleicht nicht bedacht hat, im Internet wird sie immer nur eine Stimme unter vielen sein, und das ist auch gut so. Anders war es noch vor Jahren, als die Kirche nicht nur die Gedankenkontrolle, sondern auch die Sozialkontrolle ausübte. Die negativen Folgen werden heute in der Vertuschungspraxis bei sexuellem Missbrauchs deutlich. Während hier der öffentlichen Meinung, trotz vieler noch bestehenden Widerstände, ein Durchbruch gelungen ist, scheint dies in Bezug auf die Misshandlungen in den Kinder- und Erziehungsheimen bisher nicht in dem Maße gelungen zu sein, wie es wünschenswert wäre. Offenbar besteht hier nach wie vor ein Kartell unterschiedlicher Interessen, das sich selbst gegen die überwältigende Zahl von Leidensgeschichten im Internet  mit dem Anspruch der Interpretationshoheit gegen die Heimkinder behauptet. Vielleicht spielt hier der soziale Hintergrund der beiden Opfergruppen die entscheidende Rolle. Missbrauch in Internaten und Misshandlungen in Heimen lassen Opfer erkennen, die auch von ihren intellektuellen Möglichkeiten einen unterschiedlichen Gebrauch machen können. Hinzu kommt, daß beim sexuellen Missbrauch der Opferstatus eindeutig ist, während bei den Heimkindern das Vorurteil eine Rolle spielt, daß sie für ihr Schicksal einen Teil der Schuld tragen. Während die angebliche "Mitschuld" des Opfers beim sexuellen Missbrauch als Ammenmärchen entlarvt wurde, hängt dieser Vorwurf den Heimkindern noch immer an. Sie sind es, die schwierig und verwahrlost waren oder sind. An dieser Deutung trägt die Kirche einen hohen Anteil. Heimkinder, darunter ein großer Teil mit unehelicher Geburt, passen eigentlich nicht in ihr Weltbild. Waisenhäuser gingen noch, aber Kinderheime nicht. In ihnen sammelte sich der Bodensatz der Gesellschaft, deren Gefährlichkeit durch rigide Methoden zu neutralisieren ist. Heimkinder stellen eine Gefahr auch für die Kirche dar, allein schon deshalb, weil sich in ihrer Existenz zeigt, daß ein Leben auch außerhalb kirchlicher Normen möglich ist. Dies kann die Kirche nicht hinnehmen. Dieses Gefährdungspotenzial mußte sie unter ihre Kontrolle bringen. Dies ist und war der alleinige Zweck kirchlicher Erziehung. Mit Blick, etwa auf gleichgeschlechtliche Lebensweise, hat sich an der mentalen Position der Kirche nichts geändert. Dies bezeugt auch nach wie vor der Widerstand gegen eine angemessene Entschädigungen der Opfer von sexuellem Mißbrauch durch Priester. Die Kirche ist von der Integration in eine pluralistische Welt weit entfernt. Allein die Evangelisierung des "digitalen Kontinents" zeigt einen Anspruch, der auch heute noch den katholischen Monopolanspruch auf das Denken der Menschen unübersehbar unterstreicht. Auch wenn hierin nur die Kompensation für verlorenen Einfluß gesehen wird, so wird man dennoch im Interesse einer freien Gesellschaft wachsam sein müssen.

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