Themenwoche "sexueller Missbrauch"

In der zweiten Septemberwoche strahlte der Sender 3Sat eine Reihe von Beiträgen zum sexuellen Missbrauch  an Kindern und Jugendlichen aus. Das gesamte Spektrum war vertreten: Familie, Kirche, Heime. An einigen Fällen wurden die Folgen für die Opfer bis hin zum Selbstmord exemplarisch thematisiert. Ebenfalls thematisiert wurde das Problem der Glaubwürdigkeit des Opfers, und zwar gerade dann, wenn die Erzählungen zur Tat im Laufe der Zeit verändert, angereichert und verfremdet werden. Ist es zulässig, aus der Unglaubhaftigkeit der Umstände auch auf die Unglaubhaftigkeit der Tat zu schließen? Was macht die Psyche mit dem Opfer? Wie verändert sich im Zuge einer wie auch immer gearteten Verarbeitung das traumatische Erlebnis? Das sind vor allem Fragen, die sich im Rahmen eines juristischen Verfahrens stellen.

Anerkennenswert ist, daß die Reihe auch einen Beitrag zu den Heimen aufgenommen hat. Obgleich ein älterer Beitrag, konnte dennoch der aufmerksame Beobachter im Rahmen der gesamten Sendereihe hier eine Entwicklung erkennen. So sind etwa die Unterschiede in der Bewertung dessen, was in Kinderheimen West und in Kinderheimen Ost geschehen ist, in den Aussagen von Christine Bergmann einer einheitlichen Betrachtung und Bewertung gewichen.

Gerade die Diskussionsrunde am Donnerstag, den 8. September 2011, in der Sendung "System Missbrauch - Wie Verschweigen und Verharmlosen funktioniert", an der neben dem Moderator Gert Scobel,  Christine Bergmann, Beauftragte der Bundesregierung zum sexuellen Missbrauch, Kathrin Radke, Vorsitzende des Vereins Augen-Auf e.V., und Michael Ostereier, Professor für Forensische Psychiatrie an der Universität Regensburg, teilnahmen, war erstaunlich gut gemacht und zeigte nicht nur durch Nachfragen, etwa bezüglich des sexuellen Missbrauchs durch Mütter, sondern auch durch Einspielungen eindrucksvoll in wenigen Worten und Bildern den derzeitigen Stand der Diskussion auf. Überzeugend war hier vor allem der Erklärungsversuch, weshalb das Thema so lange Totgeschwiegen wurde, und zwar sowohl an der Odenwaldschule wie auch in der Kath. Kirche.

In der Elitisierung  Einzelner wie von Gruppen wird eine wesentliche Ursache für die Vertuschung von sexuellem Missbrauch in Institutionen gesehen. Die Täter werden heroisiert und mit der Aura der Unantastbarkeit umgeben, an der jeder Vorwurf eines sexuellen Missbrauchs als unglaubwürdig abprallt. Die Elite lässt den Vorwurf nicht zu, bestraft ihn mit Schweigen und schafft gerade dadurch das Milieu, in der der sexuelle Missbrauch gedeihen kann. Auf diesen Mechanismus hat in jüngster Zeit auch der irische Premierminister Enda Kenny hingewiesen, der dem Vatikan Abgehobenheit vorwarf. Geheimhaltung und Vertuschung trügen zur Schaffung einer Atmosphäre bei, die den sexuellen Missbrauch erleichtere und die Täter schütze. Dieser Mechanismus zwingt dazu, das Priesterbild zu überdenken und die Elemente aus ihm zu entfernen, die den sexuellen Missbrauch begünstigen. Der sexuelle Missbrauch ist nicht nur ein schweres Verbrechen, sondern zeigt in der derzeitigen breiten gesellschaftlichen Diskussion das Potential auch zu Veränderungen in Staat, Kirche und Gesellschaft. Diese Perspektive aufgezeigt zu haben, ist ein Verdienst der Themenreihe auf 3Sat.  

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