Gewalt in dänischen Kinderheimen

Seit einigen Jahren läuft eine Untersuchung über Mißbrauch und Gewalt in dänischen Waisenhäusern der Zeit von 1945 bis 1976. (Undersøgelse af forholdene på børnehjem). Ausgelöst wurde die Untersuchung durch einen Dokumentarfilm, in dem ehemaligen Heimkinder und Mitarbeiter von Missbrauch, Vernachlässigung und Experimenten mit psychoaktiven Substanzen berichteten. Dieser Film löste in Dänemark eine breite Diskussion aus und führte schließlich zu Untersuchungen der Zustände in den Waisenhäusern der damaligen Zeit. Nun liegt ein erstes Ergebnis vor: Maria Rytter, Godhavnsrapporten. En undersøgelse af klager over overgreb og medicinske forsøg på børnehjem 1945-1976. (2011) (University of Southern Denmark Studies in History and Social Sciences, 419).

In die Untersuchung waren 19 dänische Kinderheime einbezogen. Grundlage des Berichtes sind umfangreiche Interviews und zugängliches Aktenmaterial. Die vorliegende Arbeit stellt die erste Studie zu Kindesmißhandlungen in dänischen Kinderheimen und Waisenhäusern dar. Dokumentiert sind Berichte über Mißhandlungen, gebrochene Gliedmaße, geplatzte Trommelfelle. Nach dem dänischen Recht waren das Straftaten, die hätten verfolgt werden müssen. Manche ehemalige Heimkinder berichteten davon, daß ihnen aufgrund der vielen Strafen das Gefühl des Schmerzes abhanden gekommen sei. Daneben immer wieder Klagen über Einsamkeit, mangelnde Sorgfalt und Demütigungen. Bettnässer, die sogenannten "Pee Boys" wurden dem Spott ausgesetzt. Inzwischen gibt es in Dänemark eine Diskussion darüber, ob die zuständige Sozialministerin für das erlittene Unrecht eine Entschuldigung gegenüber den Heimkindern aussprechen sollte. Die Ministerin weigert sich, weil sie die Folgen einer solchen Entschuldigung fürchtet. Kurz gesagt, auch in Dänemark das gleiche unwürdige Schauspiel wie in Deutschland. Dabei zeigen die grenzüberschreitenden Erfahrungen in Kinderheimen und Waisenhäusern, daß dort, wo unkontrolliert Macht ausgeübt wird, diese  Macht auch mißbraucht wird. Mit diesem Geburtsfehler sind nun mal Kinderheime belastet. Daß diese Einsicht aber ganz neu und überraschend sei, daran mag wohl kaum ein vernünftiger Mensch glauben. Wann aber wird man auch staatlicherseits diesen Strukturfehler anerkennen, sich entschuldigen und den Heimkindern eine Entschädigung zukommen lassen, die ihrem Leid angemessen ist?

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