Das Waisenhaus in Zürich!

Das Waisenhaus in Zürich, auf Beschluß des Rates vom 8. Mai 1637 gegründet, ist das erste und älteste Waisenhaus der Schweiz. Seine Gründung erfolgt vor dem Hintergrund der Reformation, aber auch zahlreicher Immigranten, die vor dem Dreißigjährigen Krieg und den Bauernaufständen im Deutschen Reich in die Schweiz flüchteten und hier zu einer erheblichen Belastung der Armenkassen beitrugen. Man versuchte das Problem dadurch in den Griff zu bekommen, daß man zwischen würdigen und unwürdigen Almosenempfängern unterschied. Im Rahmen dieser Disziplinierungsmaßnahme ist auch die Gründung des Waisenhauses in Zürich zu sehen.

Das Waisenhaus wurde in einem ehemaligen Kloster eingerichtet. Während die Waisen zuvor mit Alten, Kranken und Geisteskranken zusammenlebten, wurden sie im Kloster am Oetenbach nun mit Strafgefangenen zumindest in einem Haus mit gemeinsamer Leitung untergebracht. Daher auch der Titel "Zucht- und Waisenhaus". Diese Verbindung wurde erst 1771 mit Bezug eines neuen Gebäudes aufgegeben. Inwiefern die gemeinsame Unterbringung von Waisen und Strafgefangenen ökonomisch und/oder auch erzieherisch bedingt war, ist umstritten. Die Quellenlage zu diesem Waisenhaus ist hervorrangend. Die Institutionsgeschichte wie auch die ökonomischen Verhältnisse des Waisenhaus lassen sich historisch eindrucksvoll nachzeichnen. Zur Finanzierung der Anstalt tragen die Waisen durch ihre Arbeit bei, doch werden auch Verwandte zum Unterhalt herangezogen.

Vor dem Hintergrund der Reformation in der Schweiz habe sich das Verhältnis zur Armut geändert. Galt und gilt sie im Katholizismus als eine monastische Tugend, so verliert diese Tugend mit der Abschaffung des Mönchstum in Zürich ihren ethischen und religiösen Wert. Die Menschen sollen nun erzogen werden, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Dies galt auch für Waisen und Strafgefangenen, weshalb es ein vorrangiges Ziel war, sie nicht nur zur Arbeitsamkeit anzuleiten, sondern ihnen auch eine Ausbildung zu verschaffen, die ihnen später den Erwerb des Lebensunterhalts ermöglichen sollte. Während die sozialtheologische Begründung dieser Einrichtung gegenüber derjenigen deutscher Waisenhäuser variiert, ist der Alltag der Waisen, in der deutschsprachigen Schweiz "Waisli" genannt, im wesentlichen von den gleichen Elementen bestimmt: Gottesdienst, Gebet, Arbeit, Schule. Der Tagesablauf ist streng geregelt. Freizeit gibt es nur mässig. Im Züricher Waisenhaus sind sowohl Jungen als auch Mädchen. Es wird streng darauf geachtet, daß sie möglichst getrennt sind. Nachts werden die Kinder eingeschlossen. Körperliche Strafen sind der obersten Leitung vorbehalten und dürfen nur nach mehrmaliger Ermahnung vorgenommen werden. Über der Leitung der Anstalt wacht ein Ausschuß der Stadt, der einmal im Monat im Waisenhaus zusammenkommt.

Ins Waisenhaus aufgenommen werden keine kranke, geisteskranke oder gebrechliche Kinder, auch keine unehelichen Kinder. Dies würde den Ruf der Anstalt schädigen und die Spendenbereitschaft drosseln. Gegenüber den meisten Waisenhäusern weist das Züricher insofern eine Besonderheit auf, als die Waisen über ihr Ausscheiden aus dem Waisenhaus selbst entscheiden können. In Falle des Auscheidens ist eine Wiederaufnahme jedoch ausgeschlossen.

Die Ausbildung der Waisenkinder erfolgte vornehmlich in den Bereichen der Herstellung und Verarbeitung von Stoffen. Eine Ausbildung auch außerhalb der Anstalt war möglich. Was diese Ausbildung und die Erziehung den Waisen letztendlich gebracht hat, ist unbekannt. Hier schweigen die umfangreichen Quellen.


Markus Erb, Das Waisenhaus der Stadt Zürich von der Reformation bis zur Regeneration. Dissertation der Rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich zur Erlangung der Würde eines Doktorsder Rechtswissenschaft. (Zürich 1987).

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