Heimerfahrung in der Schweiz!

CH 11.4.2010 - In einem Bericht über das schweizer Kinderheim Rathausen, einer alte Klosteranlage, wurde über die Zustände der Heimerziehung berichtet. Schon der Titel dieses Berichtes läßt aufhorchen: "Das Kinderzuchthaus". In diese Erziehungsanstalt, die von 1883 bis 1989 bestand, steckte der Kanton Luzern über 200 Jungen und Mädchen, vor allem uneheliche, verwaiste und verarmte. Sie wurden der Betreuung eines katholischen Nonnenordens anvertraut. Die Leitung lag in der Hand eines Priesters. Die Einrichtung war im Übermaß mit katholischen Devotionalien befrachtet, die heute in einer Abstellkammer unbeachtet untergestellt sind.

Vier ehemalige Heimkinder kommen zu Wort. Sie berichten von Schlägen und auch von sexuellen Übergriffen. Die Kinder klagten über Ungerechtigkeiten, Mangel an Liebe und Einsperren in einer Dunkelkammer, wo für die Notdurft allein ein Kübel stand. In diese Kammer kamen Ausreißer und die, die ihre Neigung zu den Mädchen nicht unterdrücken konnten. Das Züchtigungsrecht lag in der Hand des Direktors, der aus seiner sadistischen Veranlagung sexuelle Befriedigung zog. Direktor Gottfried L., den einer als "Teufel in Natura" charakterisierte, bewohnte außerhalb des Heimes ein imposantes Fachwerkhaus. Angst und Schrecken flößte er vor allem durch seinen Hund Asta ein. Die Kinder wurden zur Arbeit herangezogen, denn sie mußten einen Teil ihrer Unterbringungskosten selbst erwirtschaften. Die Religion spielte eine große Rolle. Jeden Morgen Kirchgang, Sonntags dreimal. Arbeit, Schläge und Religion bildeten das pädagogische Konzept, um die Seelen der Kinder zu retten. Die ehemaligen Heimkinder berichteten von ihren Beichterlebnissen, die vor allem auf das sechste Gebot konzentriert gewesen seien. Als der Vormund eines Mündels sich 1949 über die Erziehungsmethoden bei der Kantonsleitung beschwert, kommt es zu einer Untersuchung, die die katastrophalen und unhaltbaren Zustände in diesem Kinderheim hinter Klostermauern dokumentierten.

Die Kommission fand in Rathausen ein "trostloses Straflager mit drei Dunkelzellen" vor. Direktor und Präfekt seien "strafende Götter" und "die primitiven Strafmaßnahmen stellten die hauptsächlichsten pädagogischen Handlungen" dar. Vernichtender kann ein Bericht wohl kaum sein. Doch hat das ganze auch eine andere Seite, denn auch der Nonnenorden wandte sich an die Kantonsleitung und wies daraufhin, daß nicht genügend Personal vorhanden sei, um die Aufgaben zu bewältigen. Eine Schwester habe 40 Kinder zu versorgen, und das 24 Stunden, 7 Tage der Woche. Daß diese  Überforderung zu Ungerechtigkeiten und nicht akzeptablen Handlungen führe, mag erklärlich, nicht aber entschuldbar sein. Doch die Verantwortlichen saßen auch in der Kantonsleitung. Ihnen war das Geld zu schade, um es für eine ordentliche Erziehung und Bildung der Heimkinder auszugeben. Der Direktor wurde entlassen. Sein "Memorial zu meiner erzieherischen Tätigkeit..." ist ein einziges Dokument eines fehlgeleiteten christlichen Verständnisses, das seinen Höhepunkt in der Berufung auf "göttliches Recht" für die Züchtigung der Kinder findet.

Doch gerade dieses Dokument hat als Zeitzeugnis Bedeutung über die Schweiz hinaus, zeigt es doch eine Erziehungsauffassung, die sich positivistisch auf Aussagen der Bibel bezieht, um damit fast jede Mißhandlung von Kindern zu rechtfertigen. Hier hat die Erziehungswissenschaft und die Theologie noch manches aufzuarbeiten. Man kann es einfach nicht begreifen, wie sich solche Auffassungen, nachdem Salzmann im späten 18. Jahrhundert schon auf ähnliche Mißstände aufmerksam gemacht hat, sich in den Köpfen von Erziehern festsetzen konnten. Was wir heute erleben, ist ein deja-vu des Waisenhausstreites. Wann wird man endlich aus der Geschichte lernen?

Zusätzliche Informationen