"Obsorge-Streit"

Oft beginnen erbitterte Kämpfe ums Kind ganz harmlos, sagt Susanne Beck. Sie ist Familienrichterin in Wien-Döbling, über ihren Schreibtisch wandern jährlich dutzende Pflegschaftsakten. Ein alltäglicher Fall sieht zum Beispiel so aus: Mann und Frau trennen sich zunächst einvernehmlich, teilen fein säuberlich die Wohnung, das Geschirr und das Auto auf und vereinbaren, die Sache mit dem Besuchsrecht für das gemeinsame Kind "später im Detail" zu regeln. Dann kommt sie dahinter, dass bei ihm schon "die Neue" eingezogen ist, das Gesprächsklima wird kälter. Man diskutiert in schärfer werdendem Tonfall, ob er das Kind nun freitags um 12 Uhr oder erst um 15 Uhr abholt, und ob das Kind nach dem Papa-Wochenende die Englisch-Vokabel intus haben muss. "Und am Ende", berichtet Beck, "streiten sie dann, wer obsorgeberechtigt ist". Daher sei ein "Automatismus" im Familienrecht "immer eher problematisch" - das gelte auch für den Vorschlag von Justizministerin Claudia Bandion-Ortner, gemeinsame Obsorge nach Scheidungen zum "Normalfall" zu machen.

Um ein juristisches Randproblem handelt es sich bei der geplanten Gesetzesnovelle jedenfalls nicht: 18.806 Ehen wurden 2009 rechtskräftig geschieden. Davon betroffen waren 20.619 Kinder, 14.480 waren noch minderjährig. Beck: "Jeder Fall ist individuell." Positiv beurteilt sie den Vorschlag, die Trennungswilligen vor der Scheidung verpflichtend zu einer Schlichtungsstelle zu schicken. Und die Möglichkeit, dass Familienrichter streitende Väter und Mütter zur Elternberatung schicken können.

Becks Kollege Thomas Hacker aus Traun sieht das ähnlich: "Ich halte die bestehende Regelung für gut. In 80 Prozent der Scheidungsfälle kommen wir damit zurecht." Die restlichen 20 Prozent "würden wohl auch bei einer Neuregelung strittig bleiben". Dabei handle es sich um Eltern, "die nicht über ihre eigenen Befindlichkeiten hinwegsehen können". Dann wird über (fast) alles gestritten: die Anschaffung einer Zahnspange, die "richtige" Schule oder die passende Tagesmutter, den Auslands-sprachaufenthalt in den Ferien oder ob ein Nachhilfe-Lehrer notwendig ist.

Am Wiener Jugendamt kennt man solche Fälle zur Genüge - und ist schon deshalb skeptisch gegenüber der verpflichtenden gemeinsamen Obsorge, "weil man im Streitfall einem die Obsorge wegnehmen muss", sagt Herta Staffa, Sprecherin der Magistratsabteilung 11.

Einig sind die ExpertInnen, dass die Rechte lediger Vätern gestärkt werden müssten - "aber auch nicht automatisch, sondern auf Antrag" (Beck). Seit der Familienrechtsreform 2001 habe sich die Gesellschaft verändert, und Männer nähmen ihre Vaterpflichten bewusster wahr als früher. Aber: "Es ist nicht so, dass mir engagierte Väter die Tür einrennen, weil die Ex-Frau sie nicht zum Kind lässt."

Quelle: DerStandart

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