Klage von Ex-Heimkind

Klage von Ex-Heimkind: Erster Prozess in Europa. Am 20. Dezember beginnt in Linz ein Prozess, der europaweite Folgen haben könnte. Erstmals ist in einer Klage eines Ex-Zöglings nicht von einer Heimeinrichtung, sondern einem ganzen Unrechtssystem die Rede. Jenör Alpar Molnar geht gegen die "langjährige rechtswidrige Heimunterbringung" gerichtlich vor und klagt das Land Oberösterreich auf 1,6 Millionen Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld wegen "institutionalisierten Unrechts".

Der Sohn eines US-Soldaten und einer von Ungarn nach Österreich geflüchteten Lehrerin verbrachte gegen den Willen der Eltern 18 Jahre in verschiedenen Kinderheimen in Oberösterreich. Dort wurde er immer wieder brutal geschlagen und sexuelle missbraucht. "Wir wollen mit der Klage ein Zeichen für alle Missbrauchopfer setzen. Das Land hat als Träger der einweisenden Jugendwohlfahrt Aufsichtspflicht über diese. Diese Pflicht wurde permanent verletzt. Man wusste, was man den Kindern, die man in die Heime schickte, antat. In diesen Kindergefängnissen hat man durchwegs altgediente Nationalsozialisten als Erzieher eingesetzt, denen die "Menschenrechte egal waren", so Molnar Sprecher Werner Fermer.

Das gleich der erste Prozesstag eine Einigung zwischen Kläger und Land bringt, glaubt Fermer nicht. "Ein Vergleich wäre ein Schuldeingeständnis und darauf will man sich von Seite des Landes sicher nicht einlassen. "Während die Menschen mit Spannung den ersten Prozesstag erwarten, scheinen sich Österreichs Landeshauptleute über die Tragweite dieser Klage noch nicht bewusst zu sein", sagt Fermer. Ist Molnar mit der Klage erfolgreich, müssten alles Bundesländer ihre Entschädigungsfälle neu aufrollen. "Dann würden nicht nur die Entschädigungssummen deutlicher ausfallen müssen. Die Länder müssten zudem Ex-Zöglinge auch aus privaten Heimen, Behinderteneinrichtungen und Kinder, die in Pflegefamilien missbraucht der misshandelt wurde, entschädigen", erklärt Fermer. "Da der Wahnsinn in den Heimen europaweit auf identischen Systemen beruhte, würden sicher auch Klagen in ganz Europa folgen", meint Fermer.

Rückendeckung bekommt Molnar vom Tiroler Historiker Horst Schreiber, der in der Opferschutzkommission der Stadt Innsbruck sitzt. In einem Gutachten für den Kläger, das auch dem Landgericht Linz vorliegt, spricht Schreiber von einer "strukturellen Missachtung der Menschenrechte in den Landeskinder- und Landesfürsorgeheimen Oberösterreichs in den 50er bis 70er Jahren". Auf allen Ebenen von Verantwortlichkeit sei "normwidriges Verhalten" festzustellen, stellt der Historiker in seinem Gutachten fest.

Quelle: Tiroler Tageszeitung

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