Entschädigung von Heimkinder

Die Stadt Wien hat zwei Millionen Euro an Entschädigungszahlungen für ehemalige Heimkinder bereitgestellt. 1,6 Millionen wurden bereits ausbezahlt – Auch nach Ende der Frist melden sich weiterhin Betroffene.  Über ein Jahr lang konnten sich ehemalige Schützlinge der Wiener Jugendwohlfahrt an den Operschutzverband Weißer Ring wenden. Für manche Missbrauchsopfer war das zu wenig Zeit. "Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich es endlich gewagt habe", sagt ein Betroffener zum Standard, "und als ich mich dann aufraffen konnte, hieß es, die Frist sei schon abgelaufen." Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung hat er möglicherweise trotzdem.

Denn laut Kinder- und Jugendstadtrat Christian Oxonitsch (SP) will die Stadt Wien auch jene Fälle prüfen, die nach dem 30. Juni einlangen. 310 Menschen, die in städtischen Kinderheimen physischer, psychischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt waren, haben sich bisher gemeldet. Der älteste Fall stammt aus dem Jahr 1944. "Einige wollten zuerst anonym bleiben", sagt Marianne Gammer, Geschäftsführerin beim Weißen Ring, "und brauchten mehrere Anläufe, bis sie ihre Identität preisgaben."

Wie viele Menschen betroffen sein könnten, ist laut Jugendamt schwer zu beziffern - zumal man nicht einmal weiß, wie viele Kinder in den letzten 60 Jahren in städtischer Obhut waren. Genaue Zahlen gibt es erst ab den Siebzigern: 1970 waren es 1881, zehn Jahre später 2235. Dabei waren Buben meist in der Überzahl. Laut Gammer melden sich aber auch vor diesem Hintergrund überproportional viele Männer: "Es gibt einen deutlichen Überhang."

Missbrauchsopfer, die in öffentlichen Heimen untergebracht waren, berichten laut Gammer meist von körperlicher und psychischer Gewalt. "Bei kirchlichen Einrichtungen geht es viel öfter um sexuellen Missbrauch." Allerdings habe auch in städtischen Einrichtungen sexualisierte Gewalt stattgefunden. Ein Großteil der Wiener Waisenhäuser, in denen es zu den Übergriffen kam, existiert nicht mehr. Statt wenigen großen gibt es heute viele kleine Betreuungseinrichtungen. Kleinkinder versucht man von Anfang an in Pflegefamilien unterzubringen. Eine Historikerkommission beschäftigt sich gerade im Auftrag der Stadt mit der Geschichte der Wiener Jugendwohlfahrt.

Bürgermeister Michael Häupl (SP) hat sich bereits öffentlich bei den Missbrauchsopfern entschuldigt. Nach einem Gemeinderatsbeschluss stellte die Stadt zwei Millionen Euro für Entschädigungszahlungen und Psychotherapien bereit, 1,6 Millionen wurden bereits ausgegeben.

Wer wie viel Geld bekommt, entscheidet ein achtköpfiges Gremium aus Psychologen und Juristen nach Rücksprache mit der Stadt. Die Zahlungen bewegen sich zwischen 5000 und 20.000 Euro. "Mir geht es nicht ums Geld", sagt ein Betroffener, "sondern darum, dass die Geschichte der Heimkinder endlich aufgearbeitet wird - denn es laufen in Wien noch sehr viele Leute herum, die erlebt haben, was ich erlebt habe."

Bisher bewege sich die Aufarbeitung auf bürokratischer Ebene. "Es wird einem gesagt, wir beraten darüber, was dir zusteht, und geben dir dann Bescheid. Das ist genau das, was ich mein halbes Leben lang gehört habe. "

Quelle: standart at

Zusätzliche Informationen