„Wer nicht pariert wird korrigiert"

Heimerziehung in Tirol: Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand ein Gutteil der Erzieher in den ­Tiroler Landesjugendheimen und ­Erziehungsanstalten aus teilweise schwerbelasteten National­sozialisten. So wie ­Hermann ­Pepeunig: Der einstmals ­fanatische Bannführer der Hitlerjugend widmete sich nach dem Krieg ganz seinem Projekt „Aufbauwerk der Jugend".  Heute noch lebende Zeitzeugen können sich gut erinnern: „Der Pepeunig war ein harter Hund! Zackig, streng, immer akkurat gekleidet und ausgestattet mit tadellosen Manieren. Er hat jeden unmissverständlich wissen lassen, dass er innerhalb des nationalsozialistischen Systems einen gewissen Rang innehat." Hermann Pepeunigs Rang war während der Herrschaft der Nationalsozialisten der eines Bannführers der Hitlerjugend (HJ) und damit war er auch für die Charakterbildung von Jugendlichen zuständig.

Doch wer genau war dieser „harte Hund"? Pepeunig wird 1911 in Pettau in der Südsteiermark geboren und kommt mit seinen Eltern als Flüchtlingskind nach Innsbruck. Hier musste die Familie vorerst in einem ausrangierten Eisenbahnwagon wohnen und führte einen täglichen Überlebenskampf. Es waren dies jene Jahre, die Hermann Pepeunig Zeit seines Lebens geprägt haben. Und es war auch eine Zeit, in der es für Menschen ohne Hoffnung einen Hoffnungsschimmer namens Nationalsozialismus gegeben hat. Hermann Pepeunig ist der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) schon sehr früh beigetreten. Bei seinem Eintritt im September 1932 erhält er die Mitgliedsnummer 900.645. Pepeunig tritt auch sofort der allgemeinen SS bei und findet Aufnahme im Reichsarbeitsdienst, weshalb er sich in Erpfendorf niederlässt. Für den gelernten Schreibmaschinenmechaniker gibt es nun endlich einen Sinn im Leben und innerhalb des NS-Systems schafft Pepeunig einen eleganten Aufstieg. Bald einmal heißt es: „Der Hermann kann gut mit den Jungen umgehen", und so wird Pepeunig Bannführer der Hitlerjugend. Für ihn ein Glücksfall. Denn durch seine „unverzichtbare Jugendarbeit" wird Pepeunig mehrmals vom Kriegsdienst zurückgestellt. Insgesamt muss er nur für wenige Monate ins Feld. Denn die Arbeit mit der Jugend genießt in den Augen der Nationalsozialisten allerhöchste Priorität – schnell wird nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland die HJ wichtiger als die Schule. Von Anfang an ist die Hauptaufgabe der HJ die vormilitärische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Hier lernen die Burschen schießen, Motorradfahren, Segelflieger basteln und Lager bauen. Als wichtigstes Erziehungsmittel setzen die Nazis den Sport und das Gemeinschaftserlebnis ein, an zahllosen Lagerfeuern der Wehrertüchtigungslager wird gemeinsam gesungen und gefeiert.


Die NS-Ideologen setzten die HJ – der auch der BDM (Bund Deutscher Mädel) angehörte – gezielt für die Erziehung der Jugendlichen ein. Sofort wurden Schwache, Kranke und als rassisch minderwertig definierte Menschen zum Feindbild erkoren und Mitleidlosigkeit ihnen gegenüber gepredigt. Adolf Hitler wünschte sich die deutsche Jugend so: „Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich." Und Hitler treu ergebene HJ-Bannführer wie Hermann Pepeunig sorgten dafür, dass dem Führer aus dem zur Verfügung stehenden Menschenmaterial eine grausame und gewalttätige Jugend geformt wurde. Am 1. Mai 1945 erlangte dann eine Truppe dieser „herrischen und unerschrockenen" Burschen traurige Berühmtheit. An jenem 1. Mai 1945 – der Krieg war für Hitlerdeutschland endgültig verloren, der Führer hatte am Vortag Selbstmord begangen und in Wien war bereits die provisorische Renner-Regierung zusammengetreten – verwickelten von Pepeunig befehligte Hitlerjungen anrückende US-Panzer in ein sinnloses Gefecht bei Scharnitz. Mehrere Tote auf beiden Seiten waren die Bilanz dieser zweistündigen Schießerei, zahlreiche Burschen gerieten in Gefangenschaft der Amerikaner. Die Hitlerjungen waren bei den GIs mehr gefürchtet als die erfahrenen Frontkämpfer der Deutschen Wehrmacht, denn die hatten den Krieg schon längst verloren gegeben. Aber diese Gruppe von Tiroler Buben sah – aufgehetzt von ihren Führern – im Nahkampf mit den Amerikanern ihre große Bewährungsprobe. Genau das also, worauf sie jahrelang vorbereitet wurden. Bannführer Hermann Pepeunig konnte sich an diesem 1. Mai 1945 noch seiner Verantwortung durch Flucht entziehen – später wurde er aber in Innsbruck auf offener Straße verhaftet. Im Prozess wurde ihm aber nicht seine Tätigkeit als HJ-Bannführer zum Verhängnis oder die Tatsache, dass er am 25. August 1944 Mitglied der Waffen-SS wurde. Angeklagt wurde er, weil er bereits im Jahr 1932, also lange vor dem „Anschluss", der NSDAP und der Allgemeinen SS beigetreten war. So wurde Pepeunig nach § 10 (Illegalität) des Verbotsgesetzes verurteilt und verbüßte knapp zwei Jahre Haft. Sühnefolgen wie Passentzug und die Sperre seines Kontos wurden auf Antrag von Pepeunig aber bald aufgehoben und Hermann Pepeunig war wieder ein angesehener Bürger Österreichs.

Pepeunig nach 1947. Hermann Pepeunig hat sich nach seiner „Entnazifizierung" sofort wieder mit der Betreuung von Jugendlichen beschäftigt. Vor allem arbeitslose Burschen und Mädchen hatten es ihm angetan. Sie erinnerten ihn an sein eigenes Schicksal. Denn dass er sich so früh den Nazis angeschlossen hatte, führte er in späteren Jahren auf die mit seiner damaligen Arbeitslosigkeit verbundene Perspektivenlosigkeit zurück. Kurzfristig arbeitete Pepeunig nach dem Krieg auch mit dem späteren Gründer der SOS-Kinderdörfer Hermann Gmeiner zusammen. Aber außer dem Vornamen hatten die beiden nicht viel gemeinsam und man trennte sich rasch wieder. Noch in den 1940er Jahren gründete Pepeunig dann das „Aufbauwerk der Jugend", das mit seinen zahlreichen Einrichtungen bis heute besteht. In den 1950er Jahren errichtete er in Innsbruck die erste Jugendherberge Österreichs, genauso wie das erste Berufsschülerheim Tirols. 1956 machte sich Pepeunig für die vielen in Tirol gestrandeten jugendlichen Ungarnflüchtlinge stark und organisierte deren Unterkunft und Verpflegung sowie die Einrichtung eines ungarischen Gymnasiums in Innsbruck. Einige dieser ehemaligen Schützlinge Pepeunigs leben heute noch in Tirol und loben ihren Förderer in den höchsten Tönen. Hermann Pepeunig hat seine Nazivergangenheit nie abgestritten, die eigene Verantwortung aber stets mit Hinweis auf höhere Befehle relativiert. Eine Rechtfertigung, die auch vielen anderen perfekt ins Bild passte. Nach den Kriegsverbrecherprozessen und den Entnazifizierungsverfahren stellte sich irgendwann die Frage: Was tun mit den vielen tausend Schwer- und den zahllosen Minderbelasteten? Um die Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen, wurden großzügig Bürgerrechte wieder eingeräumt, Reisepässe ausgestellt bzw. zurückgegeben und Arbeitsverbote aufgehoben. In der neu zu errichtenden Republik gab es jede Menge Arbeit zu verrichten – auch für Erzieher.

Heimerziehung nach dem Krieg. Unmittelbar nach dem Krieg bestand das Erziehungspersonal in den Tiroler Landesheimen hauptsächlich aus ehemaligen Lehrern und Fürsorgerinnen, angelernten Kräften, Werkmeistern und ehemaligen Offizieren der Wehrmacht. Viele von ihnen waren bereits in der Hitlerjugend als Ausbilder und Erzieher tätig und brachten ihre unter den Nazis erlernten „Fähigkeiten" in die Heime ein. Aber außer dem perfekten Bau eines Lagers und der Organisation einer Wehrsportübung hatten diese Erzieher in der Regel nicht allzu viel zu bieten – eine pädagogische Ausbildung für Erzieher war damals noch nicht einmal angedacht. Als Anstellungsvoraussetzung genügten „eine gute Eignung zum Erziehen und Führen", sowie „eine unbeirrbare Liebe zur Jugend". Dementsprechend stand in den Heimen auch über Jahrzehnte hinweg keineswegs die Erziehung, sondern lediglich die reine Verwahrung von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt. Und was sich während dieser Zeit, bis Mitte der 1970er Jahre hinein, in den Tiroler Heimen und Erziehungsanstalten an systematischer Unterdrückung von Zöglingen abgespielt hat, ist Gegenstand aktueller Diskussion. Bei den Berichten von ehemaligen Heiminsassen über die erlittenen Demütigungen, körperlichen Züchtigungen und sexuellen Übergriffe bleibt nahezu keine Institution als Tatort ausgespart. Wie in der katholischen Kirche scheint auch in den zahlreichen Erziehungseinrichtungen Tirols die Misshandlung von Schutzbefohlenen System gehabt zu haben. Der Zeithistoriker Horst Schreiber beschäftigt sich schon seit Jahren mit den einstigen Zuständen in den Tiroler Kinder- und Jugendeinrichtungen. Er hat zahlreiche Interviews mit Betroffenen geführt und viele ihrer Geschichten veröffentlicht. Seine Forschung zu diesem Thema hat Schreiber zu dem Schluss kommen lassen: „Die damalige institutionelle Heimerziehung sehe ich als einen Kampf der Einrichtungen des Landes Tirol gegen seine unterprivilegiertesten Bürger. Da haben Politik, Jugendämter, Gerichte und Polizei mitgewirkt. Das Einzige, das sich die meisten Zöglinge zu Schulden haben kommen ließen, war, dass sie in eine sozial benachteiligte Familie hineingeboren worden sind." So wie Ludwig Brantner: 1954 als eines von insgesamt zwölf Kindern hoffnungslos alkoholkranker Eltern geboren, ist seine Kindheit im Reichenauer Lager (ursprünglich als Unterkunftsmöglichkeit für Ausgebombte und Kriegsheimkehrer verwendet, wurden dort später soziale Randgruppen untergebracht) in Innsbruck schnell vorbei. Schon als Dreijähriger kommt „Luggi" Brantner in den Innsbrucker Pechegarten und startet damit eine „Heimkarriere", die ihn in den folgenden sechzehn Jahren durch die meisten Einrichtungen des Landes führt. „Eines war in allen Heimen gleich: Wir wurden von den Erziehern und Erzieherinnen geschlagen, oft ohne jeden Grund. Einfach so", erinnert sich Brantner (siehe Interview Seite 58). 1973 wird er vom Erziehungsheim Kleinvolderberg offiziell als „unerziehbar" entlassen, findet aber keinen Halt in der Gesellschaft. Probleme werden in Alkohol ertränkt, ganz wie er es von seinen Eltern gelernt hat. Und Konflikte löst Brantner zunehmend mit Gewalt – er schlägt zu, ganz wie er es von seinen „Erziehern" gelernt hat. So setzt sich das Eingesperrtsein für ihn fort – nach den zahlreichen Heimen lernt Brantner nach und nach diverse Haftanstalten von innen kennen. Dieses Schicksal teilt Brantner mit vielen seiner Heimkollegen. Man trifft sich oft nach Jahren wieder beim Hofgang im Knast. Als Kinder hat man in Westendorf oder im Pechegarten gemeinsam in der Sandkiste gespielt oder sich in Kleinvolderberg kennengelernt. In jenem Kleinvolderberg, das die ehemaligen Zöglinge auch heute noch meist als „Kleinfolterberg" bezeichnen und wo sie nie jemand auch nur in Ansätzen auf ein Leben „draußen" vorbereitet hat. Zeithistoriker Horst Schreiber findet für die Zustände in den ehemaligen Landesheimen drastische Worte: „Das ist eine Terrorgeschichte. Wenn man sich die Lebensläufe ehemaliger Heimzöglinge anschaut, findet man dort massenhaft Selbstmorde, Abgleiten in Verbrechen oder Prostitution, vielfach lebenslange psychiatrische Behandlung und es gibt viele Opfer, die später selber zu Tätern geworden sind." Und Schreiber macht die Dimension deutlich: „Wir reden hier nicht von Einzelfällen, sondern von vielen tausenden Kindern und Jugendlichen, die in derartigen Heimen verwahrt worden sind."

Sehr betroffen? „Kleinvolderberg dürfte das schlimmste aller Landesheime gewesen sein", sagt Horst Schreiber. „Auch im Lichte einer Pädagogik der 1950er bis 1970er Jahre sind die bekannt gewordenen Misshandlungs- und Demütigungspraktiken durch nichts zu rechtfertigen. Unter den Erziehern hat es regelrechte Schlägertruppen gegeben, die die Kinder stundenlang festgebunden, geprügelt und gedemütigt haben. Ich rede hier nicht von Watschen, sondern von Gewaltexzessen, die auch schon gegen damals geltendes Recht verstoßen haben." Es habe zwar auch in anderen Heimen systematische Misshandlungen gegeben, aber die Grausamkeit der Strafen hat differiert, sagt Schreiber. Was sagen ehemalige Erzieher heute dazu, wenn sie mit ihrem damaligen Handeln konfrontiert werden? Wolf Aull war von 1952 bis 1961 Erzieher in Kleinvolderberg und von 1962 bis 1971 hat er die Erziehungsanstalt als Heimleiter geführt. Der heute 84-Jährige zeigt sich im Gespräch dem eigenen Bekunden nach „sehr betroffen". Aber nicht allein wegen der geschilderten Misshandlungen. Sondern eher über die Tatsache, „von all dem damals nichts mitbekommen zu haben". Den Opfern glaubt er die erlittenen Qualen, wenngleich er einräumt, dass es auch „unter den Buben selbst oft zu Gewalttätigkeiten gekommen ist".

Damaliges System schuld? Für die Missstände macht Aull heute hauptsächlich das damalige System verantwortlich: „Die Fürsorgeerziehung war in der Zeit nach dem Krieg eine Korrekturerziehung. Ohne Rücksicht auf die Individualität der Kinder und Jugendlichen hat es von Amts wegen geheißen: parieren oder korrigieren." Heute sieht Aull es sehr kritisch, dass damals den Jugendlichen die Alleinschuld für ihr Verhalten gegeben worden sei. Auch den Begriff „unerziehbar" findet er heute völlig unangebracht, da „dieser Ausdruck wieder nur dem Jugendlichen die Schuld gibt". Wie viele seiner Erzieherkollegen hat auch Wolf Aull einen nationalsozialistischen Hintergrund, er war Ausbildner bei der Hitlerjugend, wenn auch nicht im Rang eines Hermann Pepeunig. Trotzdem hat man sich gekannt: „Der Pepeunig war im NS-System ziemlich weit oben. Nach seiner Verurteilung und dem Absitzen einer bereits vorher taxierten Strafe war die Sache für ihn erledigt. Eine wirkliche Entnazifizierung hat de facto nie stattgefunden, das war eine reine Alibiaktion. Viele ehemalige Nazis haben sich als Opfer gefühlt." Anders sei das bei ihm gewesen: „Ich hatte das Glück, dass ich eine echte Entnazifizierung erlebt habe. Rosa Jochmann hat damals kurz nach dem Krieg Gesprächsrunden mit Jugendlichen initiiert mit dem Ziel, diese vom Nationalsozialismus wegzubringen. Das hat mir sehr geholfen."
Irgendwie dürften sich die hehren Ziele der legendären Sozialdemokratin Jochmann aber denn doch nicht vollständig bei Aull verfangen haben, denn gewaltfreie Erziehung war nicht seine Sache. Aull hat auch selber zugeschlagen: „Heute klingt es so furchtbar, aber damals war die sogenannte gesunde Watsche etwas völlig Normales", rechtfertigt sich Aull. Von härteren Strafen will er nichts wissen: „Das wäre auch verboten gewesen. Bestrafungen und Züchtigungen waren genau geregelt. Über jede Anwendung einer Züchtigung musste Bericht erstattet werden", erinnert sich der ehemalige Heimleiter. Hat er Ohrfeigen seiner Erzieher dem Jugendamt gemeldet? „Selbstverständlich", meint Aull. „Mindestens zehn derartige Meldungen habe ich verfasst und ans Jugendamt weitergeleitet." Hat er auch all jene Ohrfeigen gemeldet, die er selber ausgeteilt hat? Nach langem Überlegen kann sich Wolf Aull heute nicht mehr daran erinnern. Ein Strafbuch habe er aber nicht geführt. Allein Letzteres hätte das Jugendamt aufhorchen lassen müssen. Denn das Führen eines Strafbuchs war Pflicht, jede verhängte Strafe musste darin eingetragen werden. Und haben die angeblichen Meldungen Aulls über Züchtigungen das Jugendamt veranlasst, das Heim zu kontrollieren? Kontrollen in den Heimen hat es gegeben, selbstverständlich nach Voranmeldung. „Alles musste dann im Heim picobello geputzt sein, die Erzieher waren immer ziemlich nervös an diesen Tagen. Die Damen und Herren vom Jugendamt sind dann gekommen, kurz durchs Haus gegangen und weg waren sie wieder. Die Zustände im Heim sind geblieben", erinnert sich Ludwig Brantner an diese „Kontrollen" zurück.
Dass die Jugendämter von den Misshandlungen in den Heimen aber so gar nichts mitbekommen haben, ist schwer zu glauben. Denn immer wieder sind Zöglinge aus diesen Einrichtungen geflüchtet, weil die Zustände für sie unerträglich geworden sind. Auch „Luggi" Brantner ist immer wieder ausgerissen und ebenso oft wieder eingefangen worden. Meist von der Polizei. Und immer hat er über die Misshandlungen in den Heimen geklagt und diese auch als Fluchtgrund genannt. Gegenüber der Polizei, gegenüber dem Jugendamt, gegenüber der Heimleitung. Geglaubt hat ihm nie wer. „Es hat nur immer geheißen: Lüg' nicht so daher! Und zur Strafe bin ich dann wieder verprügelt worden", so Brantner. Bei seiner allerletzten Flucht aus Kleinvolderberg hat ihm dann aber doch zumindest einmal jemand geglaubt, der Vorarlberger Leo Jäger. Der damals angehende Sozialarbeiter hatte Anfang der 1970er Jahre die tatsächlichen Zustände in Kleinvolderberg im Rahmen eines mehrwöchigen Praktikums selber miterlebt und somit keinen Grund, an den Angaben Ludwig Brantners zu zweifeln (siehe Interview Seite 60). Er setzte sich schließlich erfolgreich für die endgültige Entlassung seines „Schützlings" ein. Dass Brantner in weiterer Folge sozial so schwer „abgestürzt" ist, konnte aber auch Leo Jäger nicht verhindern.

Das Aus für Erziehungsheime. Ende der 1980er Jahre wurden endgültig die letzten „Landesheime für schwererziehbare Kinder und Jugendliche" geschlossen, auch das berüchtigte Kleinvolderberg. Die moderne Pädagogik hat keinerlei Raum mehr für die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in geschlossenen Anstalten gelassen. Was geblieben ist, sind die seelischen Wunden der ehemaligen Heimzöglinge. Die aktuelle Diskussion lässt zwar zahlreiche dieser Wunden wieder aufbrechen, aber den Opfern wird heute zumindest zugehört. Das Land Tirol scheint sich seiner Verantwortung als ehemaliger Träger der Landesheime bewusst zu sein. Soziallandesrat Gerhard Reheis hat neben einer Hotline für Betroffene auch eine Expertenkommission eingerichtet. Diese soll in den kommenden Wochen und Monaten abklären, wie mit den zahlreichen Vorwürfen umgegangen werden soll. In dieser Kommission befinden sich neben Reheis auch die Soziologin Waltraud Kreidl, die Psychologen Martin Christandl und Josef Christian Aigner, der Historiker Horst Schreiber und Elisabeth Harasser von der Kinder- und Jugendanwaltschaft. Neben der historischen Aufarbeitung der Heimerziehung in Tirol sollen auch konkrete Vorschläge erarbeitet werden, wie in Zukunft die Misshandlung von Schutzbefohlenen verhindert werden kann. Denn Probleme dieser Art gibt es auch heute noch, wie die Leiterin der Landesjugendwohlfahrt, Silvia Rass-Schell, bestätigt: „Es sind natürlich nur mehr Einzelfälle, aber es kommt ab und zu vor, dass wir uns von einer Erzieherin oder einem Erzieher trennen müssen, weil ihr oder ihm die Hand ausgerutscht ist." Im Gegensatz zu früher haben heute Kinder und Jugendliche ungleich höhere Chancen, dass ihnen geglaubt wird, wenn sie von Misshandlungen durch Erzieher berichten. Und sie haben längt das Recht auf ihrer Seite, denn seit 1989 ist die Anwendung körperlicher oder seelischer Gewalt zu Erziehungszwecken gesetzlich verboten. Rass-Schell sieht eine hohe Akzeptanz der modernen Erziehungseinrichtungen in der Bevölkerung. Für einen Platz in einer sozialpädgogischen Einrichtung gibt es für Jugendliche lange Wartelisten. Fluchten kommen nicht mehr vor, weil eine Unterbringung nur mit Zustimmung der Jugendlichen erfolgt. Das hohe Ausbildungsniveau der Erzieherinnen und Erzieher hebt sie ebenfalls hervor.
Für ehemalige Heimzöglinge wie Ludwig Brantner kommt diese moderne Pädagogik um Jahre und Jahrzehnte zu spät, viele von ihnen leiden noch heute an den Folgen der erlittenen Misshandlungen. Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, wie ernst das Land Tirol diese Leiden nimmt und wie die Opfer entschädigt werden können. Worte des Bedauerns und Entschuldigungen allein werden aber wohl nicht genügen

„Mehr Schläg' als zu fressen!"

Heimzöglinge. Der heute 56-jährige Innsbrucker Ludwig Brantner war über 16 Jahre lang Zögling in verschiedenen Kinder- und Jugendheimen. Das damals Erlebte hat er bis heute nicht vergessen.

ECHO: Herr Brantner, Sie sind schon als dreijähriger Bub ins Kinderheim Pechegarten in Innsbruck gekommen. Waren Sie denn ein so schlimmes Kind?
Ludwig Brantner: Nein, überhaupt nicht. Ich bin im Reichenauer Lager in Innsbruck zur Welt gekommen und meine Eltern waren Alkoholiker. Die haben gesoffen, das kann sich kein Mensch vorstellen. Irgendwann hat mich dann das Jugendamt daheim abgeholt und ich bin in den Pechegarten gekommen. Weil mich meine Eltern dort aber des Öfteren besoffen besucht haben und es dabei immer einen Wirbel gegeben hat, bin ich schließlich ins Kinderheim nach Westendorf gekommen, wo auch bereits einer meiner Brüder untergebracht war.
ECHO: Was waren Ihre ersten Eindrücke in Westendorf?
Brantner: Mein Bruder hat mir sofort weinend erzählt, dass es hier extrem brutal zugeht. Und tatsächlich bin ich schon am ersten Tag ohne Grund von einem Erzieher geohrfeigt worden. Als Willkommensgruß sozusagen.
ECHO: In Ihrem Buch kann man lesen, dass es nicht bei Ohrfeigen geblieben ist ...
Brantner: In Westendorf hat's mehr Schläg' gegeben als zu fressen. Die Erzieher haben gar keinen Grund gebraucht, uns zu verprügeln. Schon wenn sie einfach nur schlecht drauf waren, sind die Watschen tief geflogen. Man hat nie gewusst: Gibt's heute noch Schläge oder nicht? So gesehen sind wir buchstäblich aufgestanden mit Angst und schlafen gegangen mit Angst.
ECHO: Sie sind durch einen Erzieher in Westendorf auch verletzt worden und mussten operiert werden.
Brantner: Weil wir Buben auf der Toilette Fußball gespielt haben, ist ein „Onkel" völlig ausgerastet und hat mich geschlagen und getreten. Dabei hat er mich in seinem Zorn mit dem Fuß so erwischt, dass ich einen doppelten Riss des Dünndarms erlitten habe. Eine Notoperation hat mich gerettet und nach meinem Krankenhausaufenthalt bin ich ins Heim Jagdberg nach Vorarlberg hinaus gekommen. Der Erzieher ist später vor Gericht gestanden. Ich musste bei der Verhandlung aussagen. Über ein Urteil habe ich aber nie etwas erfahren.
ECHO: In Ihrem Buch schreiben Sie auch von grausamen Kollektivstrafen wie die einer „Watschengasse". Was hatte es damit auf sich?
Brantner: Das war meiner Meinung nach das Perverseste überhaupt. Wenn ein Heimkind etwas angestellt hatte – zum Beispiel die Schuhe nicht sauber genug geputzt oder das Abendessen nicht aufgegessen – dann mussten alle Kinder eine Gasse bilden und man hat sich von jedem Einzelnen eine Watsche geben lassen müssen. Das waren dann so 40 bis 60 Ohrfeigen. Da hat dann der Freund den Freund und der Bruder den Bruder ins Gesicht schlagen müssen. Und wer in den Augen der Erzieher nicht fest genug zugeschlagen hat, der konnte sich gleich selber hinten anstellen.
ECHO: Es hat aber einen Weg gegeben, dieser „Watschengasse" zu entgehen.
Brantner: Ich war einmal für die Watschengasse vorgesehen und kurz vorher hat der Erzieher zu mir gesagt: Luggi, du brauchst heute nicht in die Gasse, kommst am Abend zu mir und wir machen uns das aus. Bei ihm im Zimmer hat er dann nicht lang herumgetan und sich von mir oral befriedigen lassen. Und das war kein einmaliges Erlebnis, auch andere Kinder mussten den Onkel auf diese Weise zufriedenstellen.
ECHO: Sie sind immer wieder aus den Heimen geflüchtet – trotz schwerer Konsequenzen. War Ihr Freiheitsdrang derart groß?
Brantner: Das hatte nichts mit Freiheitsdrang, sondern nur mit der Angst vor den Heimen zu tun. Zuletzt bin ich aus Kleinvolderberg abgehauen. Wir hatten da vorübergehend einen Erzieher aus Vorarlberg, der im Heim sein Praktikum absolviert hat. Der Leo Jäger war das und wie der gesehen hat, wie wir verprügelt wurden, ist er total aufgebracht gewesen und hat unseren Peinigern mit Polizei und Anzeigen bei Gericht gedroht. Und augenblicklich haben sich die Zustände im Heim geändert. Solange der Leo da war, sind wir überhaupt nicht mehr geprügelt worden und auch wie unser Lieblingserzieher wieder weg war, ist es nie mehr so schlimm geworden wie vorher. Mir war damals sofort klar: Wenn der Leo weg ist, mach ich auch die Flatter. Und ein paar Monate später war es dann soweit: Ich bin vom Heim abgehaut und raus nach Vorarlberg zum Leo. Der hat mir dann noch meine Entlassung aus dem Heim als „unerziehbar" besorgt – dafür bin ich ihm heute noch und auf ewig dankbar.
Interview: Gernot Zimmermann

Buchtipp
„Einmal talwärts und zurück" ist die schonungslose Lebensbeichte des Innsbruckers Ludwig „Luggi" Brantner, der nach 16 Jahren Heimerziehung zum schweren Alkoholiker wird und sich buchstäblich bis zum letzten Schluck an den Tod heransäuft . Mehr Info: www.brantner-ludwig.at

 „Vieles lag am System"

Heimerziehung. Der pensionierte Sozialarbeiter Leo Jäger (64) war Vorarlbergs erster Kinder- und Jugendanwalt. Im Erziehungsheim Kleinvolderberg hat er einst ein Praktikum absolviert.

ECHO: Herr Jäger, Sie waren in den frühen Siebzigerjahren als Praktikant in Kleinvolderberg tätig. Wie haben Sie die damals dort herrschenden Erziehungsmethoden in Erinnerung?
Leo Jäger: Ich absolvierte im Februar 1970 im Rahmen der Sozialarbeiterausbildung ein dreiwöchiges Praktikum in Kleinvolderberg. In dieser kurzen Zeit bekam ich natürlich nur einen sehr oberflächlichen Einblick in das Heimgeschehen. Viele der Missstände lagen am System selbst und die Situation eskalierte, wenn individuelles Fehlverhalten dazu kam. Aus der heutigen großen zeitlichen Entfernung ist mir markant die Karzerstrafe in Erinnerung. Es gab einen einer Gefängniszelle ähnlichen Raum, in den Jugendliche, insbesondere nach einer Flucht aus dem Heim, für ein paar Tage eingesperrt wurden. Ganz allgemein ist mir das Bild von einer fast ausschließlich repressiven, auf Drill und Strafe basierenden Erziehung in Erinnerung. Es gab aber schon erste Ansätze einer wertschätzenden, positiven Pädagogik.
ECHO: Ehemalige Zöglinge können sich auch Jahrzehnte später noch lebhaft an Sie erinnern, denn Sie hätten sich damals als Einziger sehr deutlich gegen die körperliche Züchtigung von Heimzöglingen ausgesprochen. War Ihnen das damals bewusst?
Jäger: Als Student, der sich sehr kritisch mit der öffentlichen Erziehung auseinandersetzte, war ich natürlich mit den vorgefundenen Methoden nicht einverstanden. Gewaltfreiheit war für mich ein selbstverständlicher Grundsatz und ich habe mich offenbar auch dazu geäußert. Dass das so deutlich war und auch von den Jugendlichen wahrgenommen wurde, höre ich erfreut, wenn auch ein bisschen erstaunt, da ich sonst eher ein zurückhaltender Mensch bin.
ECHO: Ludwig „Luggi" Brantner meint im Interview: „Als der Leo wieder weg war, sind wir natürlich wieder von den Erziehern hergewatscht worden. Aber so schlimm wie vorher ist es nie wieder geworden." Was sagen Sie heute dazu?
Jäger: Ich bin erstaunt und war es schon beim Lesen von Luggi Brantners Buch, dass meine kurze Zeit als Praktikant im Heim die von ihm geschilderte Wirkung hatte. Für einen, der sein Berufsleben inzwischen hinter sich hat, ist das natürlich eine schöne Rückmeldung und nährt die Hoffnung, dass das Tun auch sonst gute Wirkungen hatte. Es gehört zu einem sozialen Beruf, dass man über die Wirkungen nur selten wirklich Genaueres erfährt.
ECHO: Einigermaßen erstaunlich ist doch die Tatsache, dass Brantner als geflüchteter Zögling aus Kleinvolderberg ausgerechnet Sie als einen seiner ehemaligen Erzieher um Hilfe bittet ...
Jäger: Nach den von ihm geschilderten Erfahrungen im Heim finde ich das nicht erstaunlich, zumal ja ein Leben in der Illegalität keine Perspektive hat. Überdies kommt damit auch zum Ausdruck, dass Luggi die Dinge zwar selber in die Hand nehmen wollte, ihm aber bewusst war, dass er dazu Unterstützung braucht.
ECHO: Von den Erziehern der ersten Nachkriegsgeneration hatte kaum einer eine pädagogische Ausbildung, viele von ihnen waren ehemalige Nationalsozialisten, die nicht mehr als Lehrer arbeiten durften. Wenn unausgebildete Erzieher auf Kinder und Jugendliche mit problematischen sozialen Hintergründen treffen, muss so eine Konstellation nicht zwangsläufig schief gehen?
Jäger: Die fehlende bzw. mangelhafte Ausbildung war das eine, der nationalsozialistische Hintergrund das andere. Beides ist problematisch für die gestellte Aufgabe, was aber nicht heißt, dass nicht auch ein ehemaliger Nazi, der sich gewandelt hat, ein guter Erzieher sein kann. Ich kannte solche. Ein Systemfehler ist es aber in jedem Fall, denn ein System, das eine so schwierige Aufgabe nicht den dafür Ausgebildeten überträgt, handelt unverantwortlich. Noch dazu, wo ehemalige Nazis aus ideologischen Gründen den Kindern gegenüber mit massivsten Vorurteilen behaftet waren.
ECHO: Heute wird den Opfern zugehört, ihre Geschichten werden notiert und damit zur Kenntnis genommen. Warum, glauben Sie, kommen diese Vorkommnisse erst jetzt, Jahrzehnte später, in Diskussion?
Jäger: Bei den Betroffenen wird Scham eine Rolle spielen und die verinnerlichte Vorstellung: „Ich hab es verdient." Dass die Betroffenen gehört werden und damit ihre Geschichten zur Geschichte werden, finde ich einen wichtigen Prozess. Die öffentlichen Beispiele gleich Betroffener ermutigen, die eigene Erfahrung auch mitzuteilen und damit diesen Teil der Geschichte der öffentlichen Erziehung ans Licht zu bringen. Für die Betroffenen kann diese, leider viel zu spät erfolgte Beachtung und Auseinandersetzung für die eigene Bewältigung und Entwicklung sehr wichtig und fruchtbringend sein. Deshalb ist es wichtig, dass es Stellen mit Fachpersonen gibt, an die sich Betroffene auch noch nach Jahren wenden können.
Interview: Gernot Zimmermann
Quelle: Echoline

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